Montag 20. Mai 2019
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Aktuelle Entwicklung der Vogelwelt in Oberösterreich und notwendige Maßnahmen

Oberösterreich blüht auf - Frühlingsorchester beginnt zu singen, aber: Wenn die Insekten sterben, fehlt auch für die Vögel die Lebensgrundlage.

Fröhliches und vielfältiges Vogelgezwitscher in Oberösterreich – ist’s noch imFrühling zu hören? 

Expert/innen zeichnen ein alarmierendes Bild für ganz Österreich: Im Vergleich zu vor 20 Jahren hat sich die Population deutlich verringert. Ein schleichender Schwund wird nach den Insekten nun auch bei Vögeln festgestellt. Ein Grund dafür: Immer weniger Nahrungsquellen – u.a. durch ausgeräumte Landschaften, jahrelangen Einsatz von bienengefährdenden Pestiziden, Lichtverschmutzung, Klimaveränderung – verringern die Zahl der Insekten und damit die Nahrungsgrundlage vieler Vögel. Die Zahlen der Wissenschaft sind alarmierend: Schon innerhalb eines Jahrhunderts könnten weltweit 40 Prozent der Insektenarten der Vergangenheit angehören, dies könntezu einem „Kollaps der Ökosysteme der Natur führen“ - warnen etwa aktuell Expert/innen der Universität Sydney. 

Von knapp 40.000 Insektenarten in Österreich gilt bereits ein Drittel als direkt gefährdet. Mit den Insekten und den Lebensräumen in und um landwirtschaftlich genutzte Flächen verschwinden auch viele Vögel. Und Expert/innen der Universität Yale sehen die Artenvielfalt insgesamt bedroht: Wie sie im Fachblatt „Nature Climate Change“ berichten,könnten bis zum Jahr 2070 weltweit rund 1.700 Wirbeltierarten allein durch steigenden menschlichen Landverbrauch zusätzlich auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten landen.

Ein Drittel der wichtigsten Feldvögel sind laut Studien von BirdLife in den vergangenen 20 Jahren verschwunden. Greift man gezielt Boden- bzw. Wiesenbrüter, wie Feldlerche, Rebhuhn oder Grauammer heraus, werden die Zahlen noch dramatischer: So ist bei der Lerche ein Rückgang von knapp 50 Prozent seit 1998 zu verzeichnen, für das Rebhuhn 81 Prozent und für die Grauammer 89 Prozent.
Eine weitere aktuelle Studie, die im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" erschienen ist, zeigt auf, wie sich die wachsende Nachfrage nach landwirtschaftlichen Nutzflächen im Zeitraum von 2000 bis 2011 auf Vogelbestände und die Fähigkeit der weltweiten Ökosysteme, CO2 aus der Luft zu binden, auswirkte. Im Laufe von nur zwölf Jahren ist die Zahl der durch intensive Landwirtschaft vom Aussterben bedrohten Vogelspezies auf 121 Arten angewachsen, so das Fazit der Forscher/innen.

Besonders dramatisch stellt sich die Situation für das Braunkehlchen dar – für die früher in Oberösterreich weit verbreitete Art ist ein Rückgang im Bestand von landesweit 80 Prozent dokumentiert. Laut BirdLife sind von 250 Brutpaaren nur noch 40-60 Paare übrig. Rettung für den vom Aussterben bedrohten kleinen Wiesenvogel liegt in einer naturnahen Bewirtschaftung von Flächen.

LR Rudi Anschober: „Insekten sind die wichtigste Futterquelle für Vögel. Immerweniger intakte Böden und naturbelassene Flächen führen dazu, dass Insekten zurückgedrängt, die Vielfalt immer stärker verringert wird und gefährden sounser Ökosystem. Im Zuge der Petition ‚Rettet die Bienen! Petition für denSchutz von Böden und Artenvielfalt‘ zeigen wir die vielfältigen Zusammenhängevon Boden, Klima, Insekten, Vögeln, Landwirtschaft auf und fordern notwendige Maßnahmen ein. Um die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel garantieren zu können, müssen wir jetzt dringend handeln und den Boden-, Klima- und Artenschutz insgesamt vorantreiben.“

Oberösterreich muss wieder aufblühen, wir brauchen eine Trendwende zum Schutz von Biene, Vogel, Schmetterling & Co! Aus diesem Grund startete dasUmweltressort die Initiative „Rettet die Bienen! Petition für den Schutz von Böden und Artenvielfalt“ – mit Erfolg: Bereits mehr als 7.500 Unterstützer/innen haben die Petition unterzeichnet und auch die ersten Prominenten, wie Stardirigent Franz Welser-Möst, Bio-Gärntner Karl Ploberger, Bio-Pionier Werner Lampert, Unternehmer Rainer Reichl und Genetiker Josef Penninger verstärken die Initiative mit ihrer Unterstützung. www.ooebluehtauf.at

Ursachen für das Insektensterben

Flächenmäßig ist die industrialisierte Landwirtschaft mit Pestizid- und Düngereinsatz (Abdrift), Monokulturen ohne Begleitstrukturen (Mais), häufige und frühe Mahd ein Hauptfaktor für das Insektensterben.

Der Münchner Zoologe Prof. Reichholf zeichnet drei Wendepunkte in der Landwirtschaft für das Insektensterben verantwortlich:

Flurbereinigung in den 1960/70er Jahren

Überdüngung seit den 1980er Jahren zur Ertragssteigerung

Seit den 1990er Jahren Ausweitung Maisanbau mit massivem

Pestizideinsatz; Glyphosat: sorgt dafür, dass auf dem Feld nichts mehr wächst außer Mais; Neonics töten massenhaft Insekten, unterscheidendabei nicht zwischen Nützling und „Schädling“.

Ebenso trägt die falsche Bewirtschaftung oder Nutzung von Flächen in öffentlicher oder privater Hand zum Artenschwund bei. Ein wesentlicher Grund für einen massiven Rückgang der Insektenbiomasse ist aber auch die Lichtverschmutzung.

Dazu kommen Bodenversiegelung und die Vernichtung kleinstrukturierter Lebensräume sowie die Zerschneidung von Habitaten. Über allem stehen das fehlende Bewusstsein und die fehlende Bildungsstrategie, die eine Änderung herbeiführen könnte.

Das gesamte Ökosystem ist gefährdet - die Abwärtsspirale dreht sich

Die Artenvielfalt und unsere Böden sind durch das „Ausräumen“ der Landschaften,durch den Klimawandel, die Intensivierung der Landwirtschaft massiv unter Druck geraten - Wissenschaftler/innen erheben seit Jahren warnend dazu ihre Stimme. Besonders am Beispiel der Insekten und Feldvögel, wie auch dem Verlust an Bestäubungsleistung zeigt sich die erschreckende Lage deutlich.

Insekten stellen 80 Prozent der Tierwelt, aber auch 80 Prozent der Nutzpflanzen werden durch Insekten bestäubt und wiederum fast 80 Prozent der Vögel ernähren sich bevorzugt oder ausschließlich von Insekten. Eine Studie aus Deutschland, die große Beachtung gefunden hat, zeigt für 67 Naturschutzgebiete einen Biomasse- Rückgang von bis zu 82% in den letzten 30 Jahren. Diese Insekten-Biomasse ist Nahrung für unsere Vögel, Reptilien, Amphibien, Fledermäuse und viele mehr.

Es wird immer deutlicher, das Verschwinden der Insekten gefährdet das gesamte Ökosystem, die Abwärtsspirale dreht sich:

von knapp 40.000 Insektenarten in Österreich gilt bereits ein Drittel als direkt gefährdet; von Österreichs 208 verschiedenen Tagfaltern sind bereits zwei Drittel gefährdet;

gut 80% der Wildpflanzen werden von Insekten bestäubt;

für 60%-80% aller Vogelarten sind Insekten eine wichtige Nahrungsquelle;

Laut Birdlife weisen mehr als die Hälfte der häufigen Brutvögel einenegative Entwicklung in den letzten 20 Jahren auf; jeder dritte Feldvogel ist seit 1998 verschwunden.

 

Es wird leiser auf Feld und Flur – die Vögel verschwinden

Laut Roter Liste über den Erhaltungszustand und die Gefährdungssituation der Brutvögel Österreichs (5. Fassung, 2017) mussten 65 (31 Prozent) der 212 beurteilten Brutvogel-Arten in eine der drei Gefährdungskategorien gestelltwerden: 14 wurden als „vom Aussterben bedroht“, 23 als „stark gefährdet“ und 28 als „gefährdet“ beurteilt. Zudem wurden 36 weitere Arten in die Kategorie„Gefährdung droht“ eingestuft.

Eine Ampelliste zusätzlich zu den Roten Listen stuft die Brutvogelarten nach Priorität von Schutzmaßnahmen ein. So haben starke Bestandsrückgänge dazu geführt, dass selbst die Mehlschwalbe als Siedlungsvogel als Gelb eingestuft werden musste. Gründe dafür sind der Mangel an Brutplätzen, Bodenversiegelung und der massive Rückgang an Fluginsekten als Nahrungsquelle.

Das durch BirdLife Österreich durchgeführte Brutvogel-Monitoring zur langfristigen Überwachung der häufigsten Arten zeigt, dass mehr als die Hälfte der 66 heimischen Brutvögel im Programm über einen Zeitraum von 1998 bis 2016 eine überwiegend negative Entwicklung aufweisen. Ein Viertel der Arten blieb stabil im Bestand und lediglich ein Sechstel nahm im Bestand zu.

Besonders leiden die Vogelarten der Kulturlandschaft: Der österreichische Farmland Bird Index, mit dem BirdLife Österreich die Bestandstrends der 22 häufigsten Feldvogelarten untersucht, weist besorgniserregende Bestandsrückgänge seit 1998 aus. Jeder dritte Feldvogel ist in dieser kurzen Zeit verschwunden. Besonders dramatisch: Nahezu verschwunden sind das Rebhuhn, der Girlitz und die Grauammer – mit Bestandsrückgängen zwischen 80 und 90 Prozent. Die im Osten Österreichs einst weit verbreitete Blauracke gilt seit 2018 als ausgestorben.

Vogel des Jahres 2019: Die Feldlerche - steht für die Forderung nach einer Ökologisierung der Agrarförderungen

Die Erhaltung wertvoller Habitate und vor allem Maßnahmen, die der massiven Intensivierung der Landwirtschaft und dem damit einhergehenden Vogelsterben entgegensteuern, sind notwendiger denn je.

Aus diesem Grund wurde die Feldlerche als Vogel der Agrarlandschaft zum Vogel des Jahres 2019 gewählt. In den letzten 20 Jahren hat sich der Bestand der Feldlerche halbiert, in vielen Gebieten kommt sie nicht mehr vor bzw. ist ihr Gesang verstummt. Monokulturen und fehlende Brachflächen schränken ihren Lebensraum zunehmend ein und Pestizide dezimieren die Nahrungsgrundlage. Der alarmierende Rückgang der Lerche steht für die dringende Forderung nach einer Ökologisierung der europäischen Agrarpolitik und Förderpraxis.

„Zum Schutz der Feldlerche und vielen weiteren Vogelarten braucht es ein Vielfaches an Wiesen- und Ackerbrachen, Blühstreifen oder spät gemähten Blumenwiesen, als wir es derzeit vorfinden. Dies ist nur mit einer ausreichenden Förderung für naturnahe Landbewirtschaftung wie der Pflege von artenreichenWiesen und Feldern zu erreichen“, so Landesrat Anschober.

Erfolgreicher Start der Kampagne: Bereits mehr als 7.500 Unterstützer/innen!

Einen Rekordstart hat die Initiative „Rettet die Bienen – Petition zum Schutz vonBoden und Artenvielfalt“ hingelegt. Bereits mehr als 7.500 Unterstützer/innenhaben die Online-Petition unterzeichnet, die bis 30.September fortgesetzt wird.

Umwelt-Landesrat Anschober appelliert an alle Freund/innen der Bienen und der Artenvielfalt, jetzt aktiv die Kampagne und die Petition zu unterstützen. „Nurwenn wir jetzt alle aktiv sind, werden wir Erfolg haben. Der Start ist gut gelungen, aber noch ist viel zu tun - lediglich die ersten Meter sind erfolgreichgeschafft“, sagt Umwelt-Landesrat Anschober.

Prominente als Werbeträger sind besonders wichtig für die Kampagne zur Bienenrettung, um die Botschaft möglichst breit und weit zu kommunizieren. Anschober: „Ich freue mich daher ganz besonders über die Unterstützung vonsehr unterschiedlichen prominenten Menschen aus Oberösterreich und bedanke mich für das Engagement ganz besonders herzlich!“

Die ersten prominenten Unterstützer/innen – Fotos und Zitate sind auf www.ooebluehtauf.at abrufbar:

Stardirigent Franz Welser-Möst

Bio-Gärtner Karl Ploberger

Bio-Pionier Werner Lampert

Unternehmer Rainer Reichl

Genetiker Josef Penninger

Ab sofort gibt es auch Unterschriftenlisten zur Unterstützung der Kampagne, da sich etliche Personen gemeldet haben, die selbst sammeln gehen wollen. Listen kann man beim Umweltressort bestellen beziehungsweise direkt auf www.ooebluehtauf.at herunterladen.

 

Quelle: Land OÖ