Alpenverein: Gletscherschwund gegenüber Vorjahren eingebremst – doch „der Schein trügt“

Alpenverein: Gletscherschwund gegenüber Vorjahren eingebremst – doch „der Schein trügt“

Gletscher-Messdienst des Österreichischen Alpenvereins präsentiert aktuelle Daten. Im Bild: Ochsentaler Gletscher 2019

„Ja, wir brauchen Gletscher!“, betont Alpenvereins-Vizepräsidentin Ingrid Hayek im Rahmen einer digitalen Video-Präsentation des aktuellen Gletscherberichtes. „Ähnlich wie bei Literatur, Umgangsformen oder Mozart ist es auch bei den Eisriesen: Diese sind nicht für unser rein physisches Überleben notwendig – sondern für unseren Geist und unseren Intellekt.“ Und wie es in wissenschaftlicher Hinsicht mit den heimischen Gletschern bestellt ist, das bilanziert seit 129 Jahren der Gletscherbericht des Österreichischen Alpenvereins: Von 92 untersuchten Gletschern sind 86 – also rund 94 Prozent – kleiner geworden. Der mittlere Rückzugsbetrag von 84 sowohl 2018 als auch 2019 vermessenen Gletschern betrug -14,3 Meter – eine deutliche Reduktion des Längenverlustes gegenüber den beiden Vorjahren. Fünf Gletscher veränderten sich in ihrer Länge praktisch nicht, einer der Gletscher wies sogar einen geringfügigen Vorstoß auf. Diese Ergebnisse sind jedoch keinesfalls als grundlegend verbesserte Bedingungen für das „ewige Eis“ zu werten – im niederschlagsreichen Winter aufgebaute Schneereserven schützten Teile der Gletscher vor ihrer Abschmelzung und bremsten den Gletscherschwund somit etwas ein.

Das Gletscherhaushaltsjahr 2018/19 ist erneut als sehr gletscherungünstig zu charakterisieren und reiht sich nahtlos in eine langanhaltende Periode außerordentlich gletscherungünstiger Bedingungen ein – das ist ein Effekt des herrschenden Klimawandels. So fassen die beiden Leiter des Alpenverein-Gletschermessdienstes Gerhard Lieb und Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geographie und Raumforschung an der Universität Graz die aktuellen Ergebnisse des Gletscherberichtes zusammen. „Insgesamt 24 Gletschermesser mit rund 50 Begleitpersonen waren zwischen Mitte August und Ende Oktober 2019 unterwegs, um Längenmessungen zahlreicher heimischen ‚Eisriesen‘ für den Gletscherbericht 2018/19 vor Ort zu machen“, erklärt Gerhard Lieb. „Für 2018/19 haben wir Informationen von 92 Gletschern.“ Für 84 dieser 92 Gletscher gibt es Messwerte, bei den übrigen acht wurde mit Fotovergleichen gearbeitet.

86 von den 92 untersuchten Gletschern waren im Rückzug. Laut den Ergebnissen blieben fünf untersuchte Gletscher stationär – sie veränderten sich also in ihrer Länge um weniger als +/-1 Meter – einer wies sogar einen geringfügigen Vorstoß auf. Der mittlere Rückzugsbetrag der 84 sowohl 2018 als auch 2019 vermessenen Gletscher betrug -14,3 Meter und lag damit unter dem Wert des Vorjahres mit -17,2 Metern (berechnet für 76 Gletscher) und sehr deutlich unter dem Extremwert des Jahres 2016/17 mit -25,2 Metern (75 Gletscher).

„Der Schein trügt“

„Dass sich fünf Gletscher praktisch nicht verändert haben und einer sogar geringfügig vorgestoßen ist, kann als Besonderheit gewertet werden“, erklärt Gerhard Lieb. „Die schon seit Jahrzehnten andauernde Rückzugstendenz der Gletscher wurde jedoch keinesfalls gebremst“. In den meisten Fällen lagen die Enden dieser Gletscher unter Altschnee aus dem vorangegangenen Winter - was das Eis etwas schützte – aber auch lokale topographische Gegebenheiten am Eisrand erklären diese scheinbar gletschergünstigen Werte. „Beim einzigen vorstoßenden Gletscher fand auch nicht wirklich ein aktives Vorstoßen der Eismassen statt – es wurde mehr ein ‚nach vorne Kippen‘ des Eisrandes dokumentiert.“

Laut den beiden Leitern des Alpenverein-Gletschermessdienstes handelt es sich in keinem Fall um ein aktives Vorrücken der betreffenden Gletscher aufgrund günstiger Bedingungen. Der Schein trügt demzufolge. „Die Gletscher wirken eingefallen, man sieht es ihnen vielfach optisch auch an, dass sie gletscherkundlich gesehen schlecht ernährt werden“ erklärt Lieb. Man findet das auch in Formulierungen einiger Messberichte: Formulierungen wie „ausapernde Felsstufen“, „fortschreitender Eiszerfall“, „zunehmende Schuttbedeckung“ oder „in Schollen zerbrochenes Eis“ beschreiben den aktuellen Zustand der Gletscher. Gletschermesser berichteten zudem, dass sich alpine Wegeverhältnisse durch den Gletscherschwund deutlich verschlechtert haben.

Bedingungen im Osten gletschergünstiger

Hervorzuheben ist, dass sich alle stationär gebliebenen Gletscher in den Hohen Tauern befinden. „Dies ist auch ein Signal dafür, dass die Bedingungen im Osten der österreichischen Alpen etwas gletschergünstiger waren, als das im Westen der Fall war“, erklärt Gerhard Lieb. „So ist auch der einzige im Vorstoß begriffene Gletscher, das Maurerkees in der Glocknergruppe südwestlich des bekannten Kitzsteinhorns, mit einem Vorstoß von 2,2 Metern ebenfalls in den Hohen Tauern.“ Und Andreas Kellerer-Pirklbauer ergänzt: „Auffällig ist, dass alle stationären Gletscher nicht relativ eng beieinander liegen, sondern verteilt auf die gesamten Hohen Tauern zu finden sind.“

In weiten Teilen der österreichischen Alpen war der Winter 2018/19 überdurchschnittlich niederschlagsreich. Der Monat Mai 2019 war laut Kellerer-Pirklbauer rund drei Grad zu kalt, darauf folgte der wärmste Juni der gesamten Messgeschichte: in diesem Monat war es um vier Grad zu warm. „Im Jahresmittel war es um 1,1 wärmer als im Schnitt – für die Gletscher wirkte sich das nicht günstig aus.“

Der stärkste Rückgang ist mit -86,9 Metern am Bärenkopfkees (Glocknergruppe, Salzburg) gemessen worden, gefolgt von -86,7 am Ochsentaler Gletscher (Silvrettagruppe, Vorarlberg) und am Schweikertferner (Ötztaler Alpen, Tirol) mit -86,3 Metern.

Für die Zusammenstellung des heurigen Gletscherberichts langten bei der Leitung des Gletschermessdienstes 19 Berichte ein. Die Ergebnisse wurden im Gletscherbericht für 18 Teilgebiete, die sich auf 12 Gebirgsgruppen verteilen, dargelegt.

„Ähnlich wichtig wie Mozart und Picasso“

„Die Gletscher schmelzen! Diese Schlagzeile hat auch vor der Corona-Krise niemanden mehr vom Sessel gerissen“, betont Ingrid Hayek, Vizepräsidentin des Österreichischen Alpenvereins im Rahmen der digitalen Videopräsentation des aktuellen Gletscherberichtes. Doch laut Hayek benötigen wir Gletscher dringender denn je: „Auf die Frage: ‚Brauchen wir Gletscher‘ habe ich mir schon vor der Corona-Krise ein paar rhetorische Gegenfragen überlegt: Brauchen wir Picasso, brauchen wir die Notre Dame, Umgangsformen, Mozart oder Wiener Walzer? Im Moment ist dies alles ja wirklich nicht verfügbar. Und das vermissen wir jetzt plötzlich sehr – auch Social Media kann das nicht ersetzten.“ Hayek betont demzufolge: „Ja, wir brauchen Gletscher! Ähnlich wie Literatur, Umgangsformen oder Mozart: Dies alles ist nicht für unser rein physische Überleben notwendig – sondern für unseren Intellekt und unseren Geist.“

Quelle: Mag. Peter Neuner Österreichischer Alpenverein – Abteilung Öffentlichkeitsarbeit / ots  //  Fotocredit: ÖAV Gletschermessdienst / G. Groß

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