Häusliche Gewalt und Überforderung: Wo fängt Gewalt an?

Häusliche Gewalt und Überforderung: Wo fängt Gewalt an?

Landesrat Mag. Michael Lindner mit der Kinder- und Jugendanwältin Mag.a Christine Winkler-Kirchberger

Das Jahr 2022 markiert ein besonderes Jubiläum, trat doch vor 30 Jahren die UN- Kinderrechtskonvention in unserem Land in Kraft. Das war auch die Geburtsstunde der weisungsfreien Kinder- und Jugendanwaltschaft des Landes OÖ / KiJA OÖ, deren Aufgabe es ist, auf die Wahrung der Rechte und Interessen der Kinder und Jugendlichen zu achten. Vor allem der Schutz von Kindern war und ist dabei stets ein großes Thema: „Jedes Kind hat das Recht, vor Gewalt in jeglicher Form geschützt zu werden“, so steht es in Art. 19 der UN- Kinderrechtskonvention. Zusätzlich zu diesem Bekenntnis, das seit dem Jahr 2011 auch in der Bundesverfassung verankert ist, ist in Österreich das Gewaltverbot in der Erziehung schon seit 1989 in Kraft.

„Die jungen Menschen in unserem Land sind die Zukunft und auch die Gegenwart unserer Gesellschaft. Sie haben das Recht auf eine gewaltfreie Kindheit, denn Gewalt hemmt die individuelle Entwicklung und die Entfaltung der Persönlichkeit. Kinderschutz und Kinderrechte müssen daher für uns alle oberste Priorität haben“, betont Landesrat Mag. Michael Lindner.

Das Wissen in der Bevölkerung über das gesetzliche Gewaltverbot in der Erziehung hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen, wie auch die aktuelle Trendmessung des Marktforschungsinstituts Spectra im Auftrag der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ / KiJA OÖ belegt. So ist das gesetzliche Gewaltverbot in der Erziehung mehr als sieben von zehn Oberösterreicher*innen bekannt und dieser Bekanntheitswert ist inzwischen in allen Alters- und Bildungsgruppen sehr hoch.

Dieses Wissen kommt allerdings noch viel zu wenig in den Familien an, da vielfach das Verständnis darüber fehlt, wo Gewalt beginnt, und dass auch Demütigungen, Abwertungen, Beschimpfungen oder „Hand ausrutschen“ dazu zählen. Große Herausforderungen bringen die erstmals mit der aktuellen Studie erhobenen Auswirkungen der Corona-Pandemie, insbesondere die wahrgenommene Überforderung in den Familien. Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen sowie die Abnahme von außerhäuslichen Aktivitäten dürften die in der Umfrage wahrgenommenen Veränderungen – wie „Kinder werden öfter angeschrien“ bis hin zu „Fälle von häuslicher Gewalt sind schwerer geworden“ – begünstigen. Diese Entwicklung findet sich auch im Beratungsalltag der Kinder- und Jugendanwaltschaft des Landes OÖ bestätigt.

Kinderrechte gehen uns alle an!

Häufig entsteht Gewalt in der Erziehung aus einer Situation der Überforderung. Die Doppelbelastung durch Beruf und Kindererziehung, die steigende Anzahl von Alleinerziehenden, vor allem aber auch die allgemeine Krisenstimmung in der Gesellschaft, Zukunftsängste und finanzielle Sorgen erhöhen den Druck auf die Erziehungsverantwortlichen. Deutlich vermehrt haben Eltern in den letzten Jahren das Gefühl, bei der Kindererziehung alleine gelassen zu werden. Vor allem mangelt es ihnen an Anerkennung ihrer pädagogischen Arbeit durch die Gesellschaft.

Es braucht ein gesellschaftliches Bekenntnis zu unseren Kindern – und zu den Kinderrechten! Nicht nur ihre Eltern sind für die jungen Menschen in unserem Land verantwortlich. Wir sind als Gesellschaft gefordert, gute Rahmenbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen zu schaffen! Von Gewaltschutz über Chancengleichheit, Bildung und Ausbildung, Gesundheit und Integration bis hin zu Freizeitgestaltung und Mitbestimmungsmöglichkeiten – die Kinderrechte sind dafür ein guter Gradmesser!

Wo fängt Gewalt an?

Auch wenn die Oberösterreicher*innen das Gewaltverbot kennen, ist die Ohrfeige für mehr als ein Viertel der Befragten trotzdem keine gewaltbehaftete Erziehungsmaßnahme und auch psychische Formen der Gewalt werden von einer großen Mehrheit nicht als solche wahrgenommen. Die Befragung belegt, dass Gewalt in der Erziehung bildlich noch immer ganz stark als schwere körperliche Bestrafung in den Köpfen der Menschen verankert ist. 

Aber auch Abwertungen, Liebesentzug oder Kommunikationsverweigerung belasten junge Menschen schwer“, weiß die oberösterreichische Kinder- und Jugendanwältin Mag.a Christine Winkler-Kirchberger.

Der Beratungsalltag der Kinder- und Jugendanwaltschaft OÖ zeigt, dass noch immer viel zu viele Kinder und Jugendliche Gewalt, Demütigung und Vernachlässigung erleben. Rund 5.500 junge Menschen melden sich jährlich mit ihren Sorgen und Problemen bei der KiJA OÖ, die Kinder und Jugendliche im Krisenfall begleitet. Rund ein Viertel davon berichtet von belastenden familiären Konflikten bis hin zu Gewaltausübung der Eltern. Auch wenn die gesetzlichen Vorgaben, verbunden mit den präventiven Maßnahmen der vergangenen Jahre, positive Wirkung zeigen, braucht es noch weitere nachhaltige und kontinuierliche Anstrengungen, um bewusst zu machen, dass Gewalt nicht erst mit Prügel und schweren körperlichen Misshandlungen beginnt.

Gewalt an Frauen bedeutet oft auch Gewalt an Kindern

„Orange the World“, die weltweite UN-Kampagne im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt“ von 25. November bis 10. Dezember, wird auch von der KiJA OÖ unterstützt. Sie soll auf das Ausmaß und die verschiedenen Ausprägungen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam machen. Jede fünfte Frau in unserem Land ist körperlicher, psychischer und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Gewalt an Frauen bedeutet oft auch Gewalt an Kindern, überdies sind Kinder viel zu oft auch stumme Zeug*innen von häuslicher Gewalt. So lebt etwa jedes vierte Kind in Österreich mit einer Mutter, der Gewalt widerfährt.

Gute Gründe für eine gewaltfreie Kindheit

Jede Gewaltanwendung an einem Kind ist ein Angriff auf seine Würde. Kinder, die Gewalt erfahren, sind ängstlicher, haben weniger Selbstbewusstsein, ein erhöhtes Krankheitsrisiko und auch ihre Beziehungsfähigkeit leidet. Die psychischen und körperlichen Folgen von Gewalterfahrungen wirken oft bis ins Erwachsenenalter. Wer als Kind Gewalt erfahren hat, braucht später häufig professionelle Hilfe und Begleitung zur Bewältigung des Erlebten.
Die Sensibilisierung für einen gewaltfreien Umgang miteinander und auch die Unterstützung sowohl für Eltern als auch für Kinder in schwierigen Situationen muss daher von einem breit getragenen gesellschaftspolitischen Konsens gestützt werden.

Neben Prävention braucht es kontinuierliche, zielgruppengerechte und vor allem niederschwellige Unterstützungsangebote. Ansätze hierfür können etwa die Etablierung von „Frühen Hilfen“ oder von Familienberatungsangeboten mit interkulturellen Zugängen sein oder geschlechtsspezifische Präventionsangebote, insbesondere auch für Burschen. Im schulischen Bereich muss mehr Fokus auf Soziales Lernen, Konfliktmanagement und Medienkompetenz gelegt werden und es braucht ausreichende Ressourcen für schulische Unterstützungssysteme, insbesondere die Schulsozialarbeit.

Studie „Gewaltverbot in der Erziehung“ im Auftrag der KiJA OÖ

Die Studie „Gewaltverbot in der Erziehung“ des Marktforschungsinstituts Spectra im Auftrag der KiJA OÖ soll das Wissen um das Gewaltverbot in der Erziehung, die Einstellung und das Erziehungsverhalten der oberösterreichischen Bevölkerung in regelmäßigen Abständen erheben. Die aktuelle 3. Trendmessung hat erneut das Stimmungsbild zu diesen Schwerpunkten eingefangen. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen auf, ob und inwieweit durch die gesetzliche Grundlage ein Umdenken in der Bevölkerung stattgefunden hat. Zudem wurde der Fragenkatalog um den Begriff „häusliche Gewalt“ erweitert.

Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen wurde bewusst aus dieser Untersuchung ausgenommen. Da dieser eine spezifische Familiendynamik (etwa das sogenannte Schweigegebot) zugrunde liegt, ist die gewählte Untersuchungsmethode dafür nicht geeignet.

Ergebnisse der aktuellen Trendmessung

DI Peter Bruckmüller, Spectra Marktforschung

Die aktuelle Studie (2022) ist eine Folgemessung zu der 2009, 2014 und 2019 in gleicher Form durchgeführten Erhebung (telefonisch an 800 Personen, repräsentativ für die oö. Bevölkerung ab 18 Jahre).

Kernerkenntnisse

  Gewalt in der Erziehung ist bildlich als schwere Bestrafung auf körperlicher Ebene verankert. Die Ohrfeige ist für mehr als ein Viertel keine gewaltbehaftete Erziehungsmaßnahme. Psychische Formen der Gewalt (die Kommunikation verweigern, Beleidigungen) werden von einer großen Mehrheit nicht als solche wahrgenommen.

  Das gesetzliche Gewaltverbot in der Erziehung ist mehr als 7 von 10 Oberösterreichern bekannt. Das Wissen darüber hat in den letzten 3 Jahren noch weiter zugenommen und ist inzwischen in allen Alters- und Bildungsgruppen sehr hoch.

  Dass die Anwendung schwerer körperlicher Gewalt als Erziehungshilfsmittel gesetzlich verboten ist, ist im Bewusstsein der Bevölkerung sehr gut verankert. Gewalt auf psychischer Ebene führt weiterhin ein Schattendasein und wird offensichtlich nicht so stark als Gewalt wahrgenommen. So meint nur ein Drittel, dass das Beschimpfen des Kindes gegen das Gesetz ist.

  Allerdings: Einmal mehr zeigt sich, dass die Ohrfeige als Erziehungsmittel von ungefähr einem Fünftel immer noch akzeptiert wird, wenn sie situationsbedingt als „gerechtfertigt“ erscheint (Stichwort „Hand ausrutschen“) oder verbal beschönigt wird (Stichwort „gesunde Watsche“).

  Absolut gesehen, und wenn man nur die aktuelle Messung betrachtet, lässt sich festhalten: Am meisten mangelt es den erziehenden Eltern an Anerkennung ihrer pädagogischen Arbeit durch die Gesellschaft sowie der ausreichenden finanziellen Absicherung für Kinder. Und auch Kinderbetreuungsangebote sowie Beratungs- und Hilfseinrichtungen könnte es mehr geben.

  Der Vergleich zu 2019 ist bemerkenswert und durchaus besorgniserregend. Denn die Lage hat sich, zwar auf hohem Niveau, eklatant verschlechtert. Die verfügbare Hilfe für die Kindererziehung ist um 5 bis 10%-Punkte gesunken, die Wünsche sind um 10% bis 25% (!) gestiegen. Das bedeutet, das Gefühl, bei der Kindererziehung nicht alleine gelassen zu werden, hat sich merklich verschlechtert. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass es sich hier um eine Auswirkung der Pandemie handelt.

Wahrgenommene Veränderungen durch die Corona-Krise

  Die vermeintlichen Ursachen für häusliche Gewalt sind Stress/Überforderung in der Be- bzw. Erziehung. Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen sowie die Abnahme von außerhäuslichen Aktivitäten dürfte die wahrgenommen Veränderungen – wie „Kinder werden öfter angeschrien“ bis hin zu „Fälle von häuslicher Gewalt sind schwerer geworden“ – begünstigen.

  Kommen dann noch finanzielle Sorgen dazu, ist ein problematischer Cocktail gemixt. Der erste Schritt, wenn man häuslicher Gewalt gewahr wird, wäre, sich bei einer Beratungsstelle zu informieren bzw. Bezugspersonen zu kontaktieren (wenn es Kinder betrifft).

Prävention hilft! Angebote der KiJA OÖ

Information, Aufklärung und Selbstermächtigung schützen Kinder und Jugendliche davor, Opfer von häuslicher Gewalt zu werden. Junge Menschen müssen ihre Rechte kennen und darin bestärkt werden, auf ihre Gefühle zu hören und sich, wenn nötig, Hilfe zu holen.

Mit zahlreichen Präventionsprojekten, von Theateraufführungen über Wanderausstellungen bis hin zu unterschiedlichen Workshop-Formaten für Kindergärten und Schulklassen, informiert die KIJA OÖ altersgerecht über Kinder- und Jugendrechte und vermittelt verschiedene Themen der Gewaltprävention. Besonders nachgefragt ist dabei das Gewaltschutz-Projekt „Hinter der Fassade“(www.hinter-der-fassade.at). In Kooperation mit dem Gewaltschutzzentrum OÖ stellt die KiJA ein umfangreiches Online-Informationsangebot für junge Menschen ab 14 Jahren zur Verfügung. Das darauf abgestimmte pädagogische Workshop-Konzept gibt Pädagog*innen ein Werkzeug an die Hand, um mit Jugendlichen häusliche Gewalt zu thematisieren, über Kinderrechte und Hilfsangebote zu informieren und dazu beizutragen, Jugendliche „stark” zu machen (gratis Download: https://hinter-der- fassade.at/home/fur-padagoginnen-unterrichtsmaterial).

Die KiJA OÖ berät junge Menschen, aber auch deren Bezugspersonen kostenlos, vertraulich und anonym.

 

Quelle: Land OÖ  //  Fotocredit: ©Margot Haag

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