Influenza - Impfstoffbedarf zeigt Notwendigkeit von besserer Planung auf

Influenza - Impfstoffbedarf zeigt Notwendigkeit von besserer Planung auf

Im Bild  v.l.n.r.: MR Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferats der Österreichischen Ärztekammer; Priv.-Doz.in Mag.a Dr.in Maria Paulke-Korinek, PhD, DTM, Leitung Abteilung für Impfwesen, Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz; Mag.a Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller (ÖVIH), Senior Manager Public Affairs Vaccines bei Pfizer Österreich

Die Situation ist paradox: Trotz einer Rekordmenge an Influenza-Impfstoffen könnte es heuer erstmals zu einer Impfstoffknappheit kommen. Gründe dafür sind die in den letzten Jahren mangelnde Impfbereitschaft der ÖsterreicherInnen, die Notwendigkeit einer frühzeitigen Bestellung von zusätzlichen Impfstoffmengen und die Besonderheiten in der Produktion. Um zukünftig besser vorbereitet zu sein, braucht es eine langfristige Planung gemeinsam mit der öffentlichen Hand, der Ärztekammer, der Apothekerkammer und dem Großhandel. Doch auch bereits heuer werden die ÖsterreicherInnen besser als in den Vorjahren gegen Influenza geschützt sein. Denn erstmals wurde die Influenza-Impfung in das Gratiskinderimpfprogramm aufgenommen. Dadurch soll die Verbreitung der Influenza deutlich eingedämmt werden. Außerdem stehen spezielle Impfstoffe für SeniorInnen in Pflegeeinrichtungen zur Verfügung. Das wurde am Mittwoch im Rahmen eines Pressegesprächs des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller besprochen.

Risikogruppen schützen

Wie bei Covid-19 geht es auch bei der Influenza vor allem darum, Risikogruppen vor der Erkrankung zu schützen. Das sind unter anderem Personen mit einer bekannten Herz-Kreislauf-Erkrankung, da eine Influenza bei ihnen oft schwerwiegende Komplikationen verursachen kann. „Die Influenza-Impfung reduziert dieses Risiko“, erläutert Prim. Univ. Doz. Dr. Christoph Wenisch von der 4. Medizinische Abteilung der Klinik Favoriten. Auch bei Personen mit Diabetes könne das Risiko an einer Influenza-bedingten Komplikation zu sterben, durch eine Influenza-Impfung deutlich gesenkt werden, so der Infektiologe. Einen doppelten Effekt hat die Influenza-Impfung bei Personen mit Asthma: Sie reduziert nicht nur die Wahrscheinlichkeit für so schwere Asthmaanfälle, dass eine Behandlung in einer Notaufnahme oder ein Spitalsaufenthalt notwendig wird, sondern auch jene für die Influenza-Erkrankung selbst.[1]

„Besonders empfohlen ist die Impfung auch für Menschen ab dem 60. Lebensjahr“, ergänzt Priv. Doz.in Mag.a Dr.in Maria Paulke-Korinek, PhD, DTM von der Abteilung Impfwesen im Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK). Um diese Hochrisikogruppe optimal zu schützen, hätte das BMSGPK auch spezielle Impfstoffe für Personen in Alten- und Pflegeheimen bereitgestellt.

Erstmals „kostenfreie Kinderimpfung“

„Mit der kostenfreien Impfung im Kinderimpfprogramm verfolgen wir außerdem die Strategie, Herdeneffekte zu erreichen“, betont Paulke-Korinek. „Kinder spielen nämlich eine wichtige Rolle bei der Übertragung und Verbreitung der Influenza, sie sind „der Motor“ der Grippewelle.“

Man wisse, dass die Impfung von Kindern auch Erkrankungen in anderen Altersgruppen verhindern könne. Modellrechnungen ergaben, dass bereits eine 20-prozentige Durchimpfung von Schulkindern mit einem besseren (Gemeinschafts-)Schutz vor schwerem Verlauf und Tod durch Influenza für über 60-Jährige einhergeht als eine Impfung von 90 % der SeniorInnen. Zudem könnten auch Kinder schwer an Influenza erkranken und sogar versterben.

Sonderfachregelung aufgehoben

„Neu ist dieses Jahr auch, dass erstmals alle ÄrztInnen impfen dürfen – und zwar unabhängig von ihrer Fachrichtung“, berichtet Dr. Rudolf Schmitzberger,

Leiter des Referats für Impfangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer. In der Praxis bedeutet das zum Beispiel, dass der Kinderarzt oder die Kinderärztin die begleitenden Eltern oder Großeltern gleich mitimpfen kann.

Knappheit trotz Rekord-Impfstoffmenge

Gleichzeitig könnte heuer erstmals der Fall eintreten, dass nicht jeder oder jede Impfwillige eine Impfung erhalten kann. Zurückzuführen ist das unter anderem auf die bisher extrem niedrige Durchimpfungsrate. „In den letzten Jahren haben sich in Österreich nicht einmal 10 Prozent der Bevölkerung impfen lassen. Jedes Jahr mussten wir als Impfstoffhersteller Tausende nicht verwendete Influenza-Impfstoffdosen vernichten. In der letzten Saison (2019/2020) waren es 41.000 nicht verimpfte Dosen“, erläutert Mag.a Renée Gallo-Daniel, Präsidentin des österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller. Die Hersteller gingen normalerweise in ihren Planungen von den Vorjahresmengen aus. Ist der Bedarf höher, müsse dies spätestens Anfang des Jahres an die Produktionsstätten gemeldet werden. Das liege an der komplexen Produktion solcher Impfstoffe, so Gallo-Daniel. „Produziert wird immer in zwei Zyklen, jeweils einer für die Nord- und für die Südhalbkugel. „Jetzt wird schon wieder auf die Produktion für die Südhalbkugel umgestellt. Die Produktion für unsere Breitengrade ist abgeschlossen“, stellt Gallo-Daniel klar. „Man kann auch die Produktionskapazitäten nicht so einfach erweitern, es dauert Jahre, eine neue Anlage in Betrieb zu nehmen. Auch für die Inhaltsstoffe, wie zum Beispiel Hühnereier und andere Anzuchtmedien, bis hin zu Spritzen ist eine längere Vorlaufzeit notwendig.“ Trotz der schwierigen Ausgangssituation habe man es geschafft, mehr Impfstoffdosen als im Vorjahr nach Österreich zu bringen. Erste Evaluierungen für Österreich lagen bei 1,25 Millionen Dosen. Den Herstellern der Influenza-Impfstoffe sei es aber gelungen, diese Kontingente auszuweiten. „Nun werden wir bis zum Ende der Influenza–Impfsaison 1,86 Millionen Influenza–Impfstoffdosen in Österreich haben - also mehr als das Doppelte im Vergleich zum im Vorjahr“, erläutert Gallo-Daniel. Diese 1,86 Millionen Impfstoffdosen würden die bereits ausgelieferten Mengen beinhalten, aber auch die noch zu liefernden. Wer jetzt keinen Impfstoff erhalten hat, sollte sich also im November noch einmal erkundigen. „Idealer Impf-Zeitpunkt ist ohnehin im November“, erklärt Infektiologe Wenisch, „dann reicht die Immunität auch für die gesamte Influenza-Saison.“ „Ob die Impfstoffmenge insgesamt reichen wird, kann aber aus heutiger Sicht niemand sagen“, stellt Gallo-Daniel fest.

Besondere Herausforderung für ÄrztInnen

„Deswegen kommt den Ärztinnen und Ärzten eine höhere Verantwortung zu als in Zeiten unbeschränkter Verfügbarkeit von Influenza-Impfstoffen“, betont Schmitzberger. Sie sollten daher manche ihrer PatientInnen diesmal auch darum bitten, auf ihre Impfung zugunsten jener zu verzichten, die ein höheres Risiko hätten. „Wichtig ist, dass wir die vorhandenen Ressourcen bestmöglich zugunsten der Schutzbedürftigsten einsetzen und für größtmöglichen Gemeinschaftsschutz sorgen. Die wichtigsten Zielgruppen sind daher: Kindergartenkinder, Kinder mit Grundkrankheiten, Senioren, und da vor allem jene mit Risikofaktoren.“

Hersteller brauchen Planung

„Um eine Situation wie heuer zu vermeiden, brauchen wir für die Zukunft eine bessere Planung gemeinsam mit allen Playern, das heißt von der öffentlichen Hand über die Apothekerkammer bis hin zu den Großhändlern. Festgelegt werden müssen unter anderem konkrete Impfziele, Abnahmemengen und Distributionsmaßnahmen“, betont Präsidentin Gallo-Daniel. „Nur so können wir unser gemeinsames Ziel, eine Zurückdrängung der Erkrankung mit all ihren Folgen auch erreichen.“

[1] Vasileiou E, et.al. Effectiveness of Influenza Vaccines in Asthma: A Systematic Review and Meta-Analysis. Clin Infect Dis. 2017 Oct 15;65(8):1388-1395.

Quelle: FINE FACTS Health Communication GmbH Mag.a Uta Müller-Carstanjen / ots  //  Fotocredit: Uta Müller-Carstanjen/ÖVIH

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