Jedermann unsterblich – Historische Aufnahmen der Salzburger Festspiele langzeitgesichert und zugänglich

Jedermann unsterblich – Historische Aufnahmen der Salzburger Festspiele langzeitgesichert und zugänglich

Dir. Martin Hochleitner (Sbg. Museum), Gabriele Fröschl (Leiterin Österr. Mediathek), Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, GD Peter Aufreiter (Techn. Museum Wien) 

Die Salzburger Festspiele bewahren ein über die Jahrzehnte gewachsenes Archiv aus Mitschnitten von Aufnahmen aus über 80 Jahren Festspielgeschichte. Dieser Schatz mit einzigartigen Höhe­punkten der europäischen Musik- und Theatergeschichte wurde jetzt in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Mediathek des Technischen Museums Wien gehoben und dauerhaft gesichert. Ein großer Teil der Sammlung steht ab sofort auch online für die Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die erste Aufführung von Hugo von Hofmannsthals Jedermann in der Regie von Max Reinhardt auf dem Salzburger Domplatz am 22. August 1920 gilt als die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele. Nicht nur aufgrund des 100-jährigen Jubiläums, das pandemiebedingt auch heuer noch festlich begangen wurde, lohnt ein Blick zurück auf die Geschichte des weltweit bedeutendsten Festivals für klassische Musik und darstellende Kunst. Im Jahr 1937 wurde bei der Aufführung von Falstaff – dirigiert von Arturo Toscanini – die erste Audio-Aufnahme als Hausmitschnitt durchgeführt. Für interne Dokumentationszwecke oder für Medienübertragungen wurden seither in regelmäßigen Abständen Tonmitschnitte aufgenommen – seit den 1980er-Jahren auch Videoaufnahmen. Dadurch ist ein reicher Fundus an Mitschnitten aus Theateraufführungen, Konzerten und Festspielproben entstanden. Um diese kulturhistorisch und künstlerisch wertvollen Schätze zu bewahren, wurde das Medienarchiv der Salzburger Festspiele nun von der Österreichischen Mediathek des Technischen Museums Wien langzeitgesichert.

Seit November 2020 wurden deswegen kistenweise Archivmaterial an die Österreichische Mediathek übergeben – in Summe eine gesamte LKW-Ladung, bestehend aus 330 Magnettonbändern mit Audioaufzeichnungen sowie 850 Videoaufnahmen auf VHS-, DV-, Hi8- und Betacam-Kassetten. Diese analogen Träger wurden digitalisiert und in mehrfach gesicherter Form im digitalen Massenspeicher der Österreichischen Mediathek archiviert. Die Salzburger Festspiele erhalten neben den Digitalisaten für das eigene Archiv auch die originalen, historischen Träger zurück.

„Mit dieser Kooperation haben sich die Salzburger Festspiele zum 100-Jahr-Jubiläum und die Mediathek zum 60. Geburtstag gegenseitig ein kostbares Geschenk gemacht. Die Festspiele können durch die Digitalisierung von Hausmitschnitten wichtige Produktion dem Vergessen entreißen. Die Mediathek wird durch die Zusammenarbeit noch wichtiger in ihrer Rolle als kulturelles Gedächtnis Österreichs“, freut sich Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler.

„Anhand dieser gelungenen Kooperation wird auch deutlich, wie viele analoge Schätze in den Depots von ikonischen Kulturinstitutionen wie den Salzburger Festspielen schlummern. Da historische Tonträger vom Verfall bedroht sind, ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, diese bedeutenden kulturgeschichtlichen Dokumente zu digitalisieren, um das Kulturerbe auch für zukünftige Generationen zu bewahren“, sagt Peter Aufreiter, Generaldirektor des Technischen Museums Wien mit Österreichischer Mediathek.

Bisher wurden 25 Terabyte Datenvolumen an Festspielgeschichte von der Österreichischen Mediathek digitalisiert und archiviert. Ab 20. Oktober 2021 werden bereits 453 Aufnahmen – 262 Audios und 191 Videos – von Theateraufführungen, Konzerten, Opernmitschnitten, Werk­einführungen und Festspielproben online auf der Website der Österreichischen Mediathek abrufbar sein. Damit könnten sich Interessierte derzeit also etwa zwei Monate rund um die Uhr mit Aufführungen der Salzburger Festspiele beschäftigen. Darunter zu finden sind Originalaufnahmen der berühmtesten Dirigenten ihrer Zeit wie Arturo Toscanini, Herbert von Karajan, Seiji Ozawa, Karl Böhm, Claudio Abbado oder Riccardo Muti, ebenso wie bedeutende Inszenierungen großer Regisseure aus mehreren Jahrzehnten wie Ernst Haeusserman, Peter Stein, George Tabori oder Hans Neuenfels. Die Sammlung beinhaltet ebenfalls eine Vielzahl von Stücken historischer und zeitgenössischer Dramatiker von William Shakespeare über Hugo von Hofmannsthal bis Peter Handke und ikonische InterpretInnen wie Agnes Baltsa, Anna Netrebko, Thomas Hampson, José Carreras oder Nicolai Ghiaurov.

„Ton- und Videoaufzeichnungen können helfen, flüchtige Momente auf der Bühne für spätere Generationen zu bewahren. Aber auch die Träger dieser Aufnahmen haben nur eine beschränkte Lebensdauer. Digitalisierung und digitale Langzeitarchivierung sind die Voraussetzungen der dauerhaften Zugänglichkeit dieser Kulturdokumente für Wissenschaft und Forschung“, sagt Gabriele Fröschl, Leiterin der Österreichischen Mediathek.

Durch Digitalisierung auch für zukünftiges Publikum verfügbar

Auch das Publikum der Zukunft wird sich über die umfassenden Einblicke in die Festspielgeschichte freuen – denn durch die digitale Langzeitarchivierung ist nun gewährleistet, dass diese Aufnahmen als kulturelles Erbe dauerhaft bewahrt werden und auch nachkommenden Generationen zur Verfügung stehen. Denn analoge Medien unterliegen selbst unter optimalen Lagerbedingungen dem zeitlichen Verfall, zudem besteht die Gefahr, dass entsprechende Abspielgeräte oft nicht mehr verfügbar sind. Bei einer Aufnahme aus dem Festspielsommer 1937, in der Bruno Walter die Wiener Philharmoniker dirigierte, löste sich beispielsweise das Bindemittel des Tonbandes bereits auf, wodurch das Band nicht ohne erheblichen Schaden an der Aufnahme abgespielt werden konnte. Glücklicherweise haben Medienarchive kreative Tricks, um mit derartigen Alterungserscheinungen umzugehen: Dazu werden Magnettonbänder in Obstdörrgeräten für einige Stunden auf 60 Grad mit von unten aufsteigender Luft „gedörrt“. Dadurch ließ sich diese Aufnahme von Mozarts Le nozze di Figaro wieder unbedenklich abspielen und konnte gemeinsam mit 1000 weiteren Audio- und Videoaufnahmen dem Digitalisierungsprozess unterzogen werden.

Festspielgeschichte zum Eintauchen

Die Aufnahmen stehen für die interessierte Öffentlichkeit kostenfrei vor Ort in der Österreichischen Mediathek (Gumpendorferstraße 95, 1060 Wien) zum Nachhören bereit. Zudem werden die Mitschnitte auch über das Onlinearchiv der Mediathek auf www.mediathek.at nach persönlicher Anmeldung für Recherchen online freigeschaltet; ein Download ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Weitere digitalisierte Aufnahmen folgen.

Quelle: Technisches Museum Wien Madeleine Pillwatsch; Ulla Kalchmair Leitung Presse & PR Pressebüro der Salzburger Festspiele; Österreichische Mediathek Mag. Dr. Gabriele Fröschl / ots  //  Fotocredit:  Technisches Museum Wien/APA-Fotoservice/Neumayr

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