MAK zeigt „ALFREDO JAAR. Das Rote Wien“

MAK zeigt „ALFREDO JAAR. Das Rote Wien“

Mit seiner MAK-Ausstellung „Das Rote Wien“ (9. Juni – 5. September 2021) beleuchtet der Künstler, Architekt und Filmemacher Alfredo Jaar (* 1956, Santiago de Chile) das soziale Programm Wiens der Zwischenkriegszeit, das ihn schon seit den 1980er Jahren beschäftigt

 Das Rote Wien, das 2019 sein 100-Jahr-Jubiläum feierte, ist eine der aufsehenerregendsten Wohnbauinitiativen der Welt. Für seine Ausstellung im MAK hat der in New York lebende Künstler eine vielschichtige Raumgestaltung entwickelt, die seine langjährige künstlerische Auseinandersetzung mit dem Roten Wien dokumentiert.

Das Rote Wien wird durch die Jahre von 1919 bis 1934 markiert, in denen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen der österreichischen Hauptstadt die absolute Mehrheit erhielt. Bevor das Rote Wien durch die Machtübernahme der Austrofaschisten bei den Februarkämpfen 1934 sein abruptes Ende fand, bildete es ein einzigartiges sozialpolitisches und kulturpädagogisches Reformprojekt, zu dessen größten Leistungen die Linderung der katastrophalen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zählte.

Die heute geradezu utopisch erscheinenden Leistungen im Bereich des sozialen Wohnbaus stehen im Mittelpunkt von Alfredo Jaars monumentaler, 35-teiliger Fotoserie zum Roten Wien, die 2019 für die MAK-Sammlung Gegenwartskunst erworben wurde. Seit fast 40 Jahren richtet der Künstler seinen Blick nach Wien. „Mitte der achtziger Jahre, auf meiner ersten Reise nach Wien, begann ich, das Rote Wien zu besuchen und zu fotografieren.

Als Architekt und Künstler zog mich das Rote Wien gleich mit der Entdeckung der ersten Gebäude in den Bann. Beeindruckt von seiner Aktualität und bewegt von seinem Nachleben, suchte ich auf stunden- und tagelangen Spaziergängen nach seinen Spuren“, so Alfredo Jaar.

Gleich mehrere Bilder zeigen ikonische Motive, die sich mit zwei der größten und bekanntesten Gemeindebauten verbinden – dem Karl-Marx-Hof (1927–1930) von Karl Ehn und dem Hof am Friedrich-Engels-Platz (1930–1933) von Rudolf Perco. Der Winarsky-Hof (1924/25) sowie der Otto-Haas-Hof (1924–1926), an denen mit Peter Behrens, Josef Frank, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Margarete Schütte-Lihotzky und Oskar Strnad einige der wichtigsten Architekt*innen der Zwischenkriegszeit beteiligt waren, sind ebenfalls in der Fotoserie präsent.

Ein auffallendes Merkmal von Alfredo Jaars Fotografien ist ihre stark intensivierte Farbsättigung, die den üblichen Bildern des Roten Wien nicht entspricht. Der Künstler lässt den Ausstellungsraum in eindringlicher Farbigkeit erscheinen, um eine Atmosphäre zu schaffen, die das Gesellschaftsmodell des Roten Wien symbolisch ausleuchtet. Eigens für die MAK-Ausstellung entwickelt der Künstler einen überdimensionalen Neonschriftzug mit den Wörtern „Red Vienna“ und geht damit auf die Vielfalt der leuchtenden Reklamen ein, die ab den 1920er Jahren das Bild der modernen Stadt prägten.

Jaar verwebt die Medien Bild, Schrift und Licht zu einem spannungsreichen Kommentar über das Rote Wien, aus dem sich noch immer ein positives Gegenmodell für unsere heutige städtische Gesellschaft ableiten lässt – nicht allein angesichts der durch finanzkapitalistisches Handeln verursachten ökonomischen Krisen, sondern auch und insbesondere in Anbetracht des Verfalls der Grundprinzipien des kollektiven Zusammenlebens in Zeiten zunehmender sozialer Kälte.

Zu fragen wäre dabei, was aus der kommunalen Politik des Roten Wien unter den Bedingungen des heutigen Neoliberalismus gerettet werden kann, welche Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sich für die urbanen Strategien der Zukunft ableiten lassen, aber auch, welche alternativen Potenziale sich in ihr angelegt finden. Unter Umständen gäbe es auch ganz konkrete Ansatzpunkte: So findet sich gleich auf zwei Bildern von Jaars Fotoserie der Hinweis, dass die Gemeindebauten seinerzeit aus den Mitteln der Wohnsteuer errichtet wurden.

Quelle: MAK-Presse und Öffentlichkeitsarbeit Judith Anna Schwarz-Jungmann (Leitung), Cäcilia Barani, Sandra Hell-Ghignone / ots  //  Fotocredit:  © Alfredo Jaar

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