Österreichische AIDS Gesellschaft nimmt Stellung zu aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit HIV und AIDS

Österreichische AIDS Gesellschaft nimmt Stellung zu aktuellen Herausforderungen im Zusammenhang mit HIV und AIDS

Priv.-Doz. Dr. Alexander Zoufaly, Präsident der Österreichischen AIDS Gesellschaft

In Österreich leben derzeit etwas mehr als 8.000 Personen mit dem Human Immunodeficiency Virus (HIV). Im Jahr 2018 wurden landesweit rund 400 HIV-Infektionen neu diagnostiziert. Das berichteten Vertreter der Österreichischen AIDS Gesellschaft (ÖAG) bei der Vorstellung der Arbeitsschwerpunkte des neu gewählten Vorstands für die Funktionsperiode 2019–2023 vor Pressevertretern.

Die registrierten Diagnosen geben keine verlässliche Auskunft über die Zahl der Neuansteckungen, weil viele betroffenen Personen über einen langen Zeitraum nicht wissen, dass sie das Virus in sich tragen. "Die Latenzzeit bis zur Diagnose ist eines der Hauptprobleme im Rahmen der Präventionsbemühungen gegen die Ansteckung mit HIV und ein wichtiger Grund, warum in vielen europäischen Ländern die Neuinfektionen nur geringfügig abnehmen", erklärt Bernhard Haas, Infektiologe an der Medizinischen Universität Graz und Generalsekretär der ÖAG.

Diagnosen zu oft zu spät

In Österreich wurden seit 2001 41% der HIV-Infektionen erst spät entdeckt (sogenannte "late presenter"). Haas zitiert eine Auswertung der Österreichischen HIV-Kohorte aus dem Jahr 2018. Demnach befand sich ein Viertel der Betroffenen bei Diagnosestellung bereits in einem fortgeschrittenen Infektionsstadium oder hatte Symptome des Vollbilds der Erkrankung (Acquired Immune Deficiency Syndrome, AIDS). Besonders häufig sind Spätdiagnosen bei Personen über 50 Jahren sowie bei heterosexuellen Frauen und Männern. Haas: "Der hohe Prozentsatz an Spätdiagnosen ist ein klares Indiz für den nach wie vor hohen Aufklärungsbedarf. Eine frühe Diagnose ist gerade für die Prävention der Virusübertragung besonders bedeutsam: Unmittelbar nach der Übertragung besteht ein sehr hohes Ansteckungsrisiko, weil die Viruslast in dieser Phase besonders hohe Werte erreicht."

"U = U" – Kein Übertragungsrisiko bei optimaler Behandlung

Für den neuen Präsidenten der ÖAG, Alexander Zoufaly, (Kaiser-Franz-Josef-Spital, Wien) hat Österreich die "Chance, die Anzahl der HIV-Neuinfektionen durch ein Bündel an Maßnahmen effektiv zu senken. Dazu gehören neben der bereits gut funktionierenden Versorgung mit modernen HIV-Medikamenten auch eine lückenlose Verfügbarkeit und Kassenerstattung der Prä- und Postexpositionsprophylaxe sowie die Verbesserung der HIV-Testung."

Moderne antiretrovirale Therapien (ART) reduzieren die Viruslast bis unter die Nachweisgrenze. „Damit wird nicht nur der Ausbruch von AIDS auf Dauer verhindert, sondern auch die Übertragung des HIV auf sexuellem Weg ausgeschlossen“, so Zoufaly. Die Gültigkeit dieses Prinzips, in der Fachwelt als "U = U" (undetectable = untransmittable; nicht nachweisbar = nicht übertragbar) bekannt, ist durch zahlreiche Studien abgesichert und von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt.

Wir brauchen lückenlosen Zugang zu Prä- und Postexpositionsprophylaxe

Als Präexpositionsprophylaxe (PrEP) bezeichnet man die Einnahme von antiretroviralen Medikamenten, um sich bei sexuellen Risikokontakten vor einer HIV-Infektion zu schützen. Bei der Postexpositionsprophylaxe (PEP) wird innerhalb von 48-72 Stunden nach einer möglichen HIV-Infektion eine einmonatige ART begonnen.

Zoufaly: "Wenn es darum geht, Neuansteckungen mit HIV zu verhindern und die Zahl HIV-infizierter Personen in der Bevölkerung zu senken, ist die PrEP genauso effektiv wie Kondome. Als Prophylaxemaßnahme wird die PrEP von den Krankenkassen in Österreich aber nicht erstattet, während sie in Deutschland seit 1. September 2019 eine Kassenleistung darstellt. Bei der PEP sind Risikokontakte am Wochenende problematisch. Durch die Verzögerungen der chefärztlichen Bewilligung der Medikamente vergeht wertvolle Zeit, in der es zur tatsächlichen Manifestation der Infektion kommen kann. Ziel muss es sein, die PEP an Notfallambulanzen von Krankenhäusern, in denen HIV-positive Personen schwerpunktmäßig behandelt werden, rund um die Uhr verfügbar zu machen."

Gegen Stigmatisierung und Diskriminierung im Gesundheitssystem

Immer wieder wird den AIDS-Hilfen von Fällen berichtet, in denen HIV-infizierte Personen als Patienten abgelehnt werden oder aus Angst vor Ansteckung oder Kontamination nur Randtermine zugeteilt bekommen. Zoufaly: "Offensichtlich herrscht großer Informationsmangel innerhalb des medizinischen Personals. Man kann nicht einerseits U = U propagieren, und andererseits HIV-infizierte Personen benachteiligen oder ausgrenzen."

Über die Österreichische AIDS Gesellschaft

Die ÖAG hat sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft das Ziel gesetzt, die medizinische Forschung auf dem Gebiet von HIV/AIDS zu fördern, die bestmögliche Behandlungsqualität zu sichern und effektive Präventionsarbeit zu leisten. Wesentliche Aufgaben sind die Organisation von wissenschaftlichen Tagungen und Fortbildungen, das Erstellen und Verbreiten von medizinischen Leitlinien und die Bildung einer Plattform, um Kooperationen auf nationaler und internationaler Ebene zu erleichtern. In diesem Zusammenhang sieht sich ÖAG auch als offizielle Vertretung der HIV-Forschung in Österreich und dient als offizieller Ansprechpartner für nationale und internationale Kongresse. Weitere Kernaufgaben sind die Beratung anderer Fachrichtungen, Berufe oder Organisationen in Fragen zu HIV/AIDS und die Bekämpfung jeglicher Form der Diskriminierung von Menschen mit HIV/AIDS.

Quelle: Österreichische AIDS Gesellschaft, Priv.-Doz. Dr. Alexander Zoufaly (Präsident), 4. Med. Abteilung, Kaiser-Franz-Josef-Spital Wien, OA Dr. Bernhard Haas, MBA (Generalsekretär), Zentrum für infektionsmedizinische Kompetenz, KAGes-IKM, Medizinische Universität Graz / ots  //  Fotocredit: privat

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