Robert Pfaller erhält den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien 2020

Robert Pfaller erhält den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien 2020

Im Bild Robert Pfaller, Preisträger Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien

Robert Pfaller, einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Philosophen und Denker, wurde gestern, Donnerstag, Abend mit dem Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien ausgezeichnet. Die Überreichung erfolgte – coronabedingt – unter Ausschluss des Publikums im Rahmen einer virtuellen Wiener Vorlesung, die via Facebook live aus dem RadioKulturhaus übertragen wurde, in Anwesenheit des Präsidenten der Ärztekammer für Wien, Thomas Szekeres, sowie der Wiener Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler. 

In seiner Rede mit dem Titel „Die Einbildungen. Das Zwiespältige. Die Geselligkeit.“ nahm Pfaller immer wieder Bezug auf Paul Watzlawick und dessen Erkenntnistheorien sowie auf die scheinbaren Paradoxa, die Watzlawick aufwirft: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Die Laudatio auf Pfaller hielt der Philosoph Konrad Paul Liessmann, selbst Ehrenringpreisträger im Jahr 2016. Daran anschließend diskutierten die beiden unter Moderation der Kulturjournalistin Ani Gülgün Mayr aktuelle Phänomene und gingen dabei auch auf die gesellschaftlichen sowie psychischen Auswirkungen ein, die Corona möglicherweise auslösen könnte.

„Mit Robert Pfaller haben wir einen würdigen, kritisch ironischen Preisträger gekürt, der die Schemata und Grenzen jeder einzelnen Wissenschaftsdisziplin ignoriert und im besten Sinne des Wortes überfein und interdisziplinär denkt“, betonte Szekeres in seiner Ansprache.

„Aus Verzicht auf Lust wird die Lust auf Verzicht“

Robert Pfaller, 1962 in Wien geboren, lehrte zunächst als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung Linz sowie an der Technischen Universität Wien. Von 2009 bis Oktober 2014 war er Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Anschließend ging er zurück an die inzwischen umbenannte Kunstuniversität Linz.

Internationale Beachtung fand Pfaller durch seine Studien über Interpassivität (2000). Interpassivität bezeichnet die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte, also Menschen oder Dinge, zu delegieren. Die Theorie der Interpassivität bezieht sich hauptsächlich auf den Bereich der Lustempfindungen, weshalb Interpassivität auch als „delegiertes Genießen“ bezeichnet werden kann. Ein geläufiges Beispiel hierfür aus dem Alltag ist das von Slavoj Žižek analysierte Konservengelächter („canned laughter“) in Sitcoms, dass an unserer Stelle lacht und uns so die „Mühe“ des eigenen Lachens erspart. Wir fühlen uns so befreit, als wäre das Lachen unser eigenes gewesen.

Die heutige neoliberale Kultur sieht Pfaller – auf Seiten der Massen – von Lustvermeidung und Askese geprägt. Aus Verzicht auf Lust werde die Lust auf Verzicht. Diesen bereits auf Max Weber und dessen Werk „Die protestantische Ethik“ zurückgehenden Gedanken greift Pfaller vor allem in der psychologisch gewendeten Prägung und Umarbeitung von Gilles Deleuze und Félix Guattari auf. In ihrem Buch Anti-Ödipus schreiben sie: „So bleibt die grundlegende Frage der politischen Philosophie immer noch jene, die Spinoza zu stellen wusste (und die „Reich“ wiederentdeckt hat): Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Was veranlasst einen zu schreien: ‚Noch mehr Steuern! noch weniger Brot!‘ Und, so ließe sich ergänzen, warum schreien sie nicht mit den Worten Wladimir Majakowskis: „Her mit dem schönen Leben“?

Pfaller sieht so in der Gegenwart den Verlust der Fähigkeit der Subjekte, ihre Interessen adäquat wahrzunehmen – an Stelle der Objekte selbst werde, ganz anders als in der klassischen protestantischen Ethik, der Verzicht begehrt: „Wir haben keinen Porsche, und das ist auch gut so.“ 
2013 gehörte Pfaller sowohl zu den Erstunterstützern der österreichischen Initiative „Mein Veto! – Bürger gegen Bevormundung“ als auch zu den Gründern der europäischen Initiative „Adults for Adults. Citizens against Patronizing Politics.“

Pfaller wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, so 2007 mit dem Preis „The Missing Link. PSZ-Preis für Psychoanalyse und …“ sowie 2014 mit dem „Award for Best Books Published“ für die englische Version seiner Studie „Die Illusionen der anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur” („On the Pleasure Principle in Culture: Illusions Without Owners”). 

Quelle: Ärztekammer für Wien Dr. Hans-Peter Petutschnig / ots  //  Fotocredit: Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig

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