Dienstag 21. Mai 2019
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Sobotka: Politik trägt Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus

Österreichisches Parlament zeigt Wanderausstellung "Holocaust: Vernichtung, Befreiung, Rettung"

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka eröffnete heute gemeinsam mit dem Botschafter der Russischen Föderation, Dmitrij Ljubinskij, die Wanderausstellung "Holocaust: Vernichtung, Befreiung, Rettung". Die Ausstellung, die vom Russischen Bildungs- und Forschungszentrum "Holocaust" in Moskau gemeinsam mit dem Russischen Jüdischen Kongress konzipiert wurde, macht bis 10. April im Kleinen Redoutensaal in der Hofburg Station.

In seiner Eröffnungsrede erinnerte Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka an die besondere Verantwortung des österreichischen Parlaments im Umgang mit der eigenen Geschichte und mit dem Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die aktuelle Ausstellung des Bildungs- und Forschungszentrums "Holocaust" erinnere zudem an die Verpflichtung, die sich für die österreichische Politik angesichts des Aufkeimens eines neuen Antisemitismus ergebe. Eine Besonderheit dieser Wanderausstellung liege darin, dass sie den Beitrag der Roten Armee zu Befreiung der Ghettos und Konzentrationslager in Osteuropa herausstreiche. Nicht vergessen werden dürfe auch der hohe Blutzoll, den die sowjetische Bevölkerung im Kampf gegen den Nationalsozialismus zu zahlen hatte. Die Ausstellung sei damit ein wertvoller Beitrag zu einem differenzierten Geschichtsverständnis und zur Annäherung an die historische Wahrheit.

Bildung und Erziehung hätten sich als wirksames Gegenmittel zu Rassismus und Antisemitismus erwiesen, betonte Sobotka. Das unterstreiche auch die aktuelle Studie des IFES-Instituts zum Antisemitismus in Österreich sehr deutlich. Der Nationalratspräsident dankte in diesem Zusammenhang Ilya Altman vom Bildungs- und Forschungszentrum "Holocaust" für dessen wertvolle Arbeit. Er hob auch jene Einrichtungen in Österreich hervor, die sich der Erinnerungsarbeit widmen, insbesondere das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, die Gedenkstätte Mauthausen, den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie den Österreichischen Auslandsdienst und Gedenkdienst.

Botschafter Dmitrij Ljubinskij unterstrich die Notwendigkeit, einem schleichenden Revisionismus des Geschichtsbildes in Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus entgegenzutreten. Er unterstrich, dass Österreich sehr sorgsam mit den Denkmälern der Roten Armee umgehe. Diese achtsame Haltung gegenüber diesem Teil der Geschichte werte er als positives Zeichen.

Auschwitz-Überlebende Kinsky appelliert an Jugend, niemals gleichgültig zu bleiben

Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, moderierte die Veranstaltung und führte ein kurzes Gespräch mit der Zeitzeugin Helga Kinsky. Die in Wien geborene Überlebende mehrerer Konzentrationslager erinnerte sich an die Befreiung durch sowjetische Truppen, die sie am 8. Mai 1945 im Konzentrationslager Theresienstadt erlebte. ÄrztInnen und PflegerInnen der Roten Armee halfen bei der Eindämmung der in Theresienstadt grassierenden Flecktyphus-Epidemie, sodass die Überlebenden das unter Quarantäne gestellte Lager Ende Mai verlassen konnten. Wenn sie als Zeitzeugin mit jungen Menschen spreche, so versuche sie, ihnen zu vermitteln, dass ihnen die Zukunft gehöre. Bei ihnen liege die Verantwortung für ihre Gestaltung, weshalb sie keinesfalls gleichgültig bleiben dürften, wenn sich Intoleranz, Inhumanität und antidemokratische Gesinnung manifestieren.

In Vertretung des erkrankten Vorsitzenden des Österreichischen Auslandsdienstes, Andreas Maislinger, sprach Felix Hafner über die Bedeutung des Gedenkdienstes bei der Weitergabe der historischen Erinnerung. Seit 2011 gehört das Moskauer Bildungs- und Forschungszentrum "Holocaust" zu den Einrichtungen, an denen junge Österreicher ihren Gedenkdienst leisten können. Die Gedenkdiener seien wichtige Multiplikatoren für die Etablierung einer internationalen, länderübergreifenden Gedenkkultur.

Ausstellung mit teilweise unbekannten Dokumenten zum Holocaust

Eine kurze Einführung in die Ausstellung gab Ilya Altmnan, Co-Vorsitzender des Russischen Bildungs- und Forschungszentrums "Holocaust". Die Wanderausstellung wurde vom Forschungszentrum gemeinsam mit dem Russischen Jüdischen Kongress konzipiert und präsentiert teilweise wenig bekannte Fakten und Dokumente über die Vernichtung und Rettung von Juden und Jüdinnen auf dem Gebiet der heutigen Russischen Föderation.

Im Sommer 1941 begannen die Nationalsozialisten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion mit der Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Die Anzahl der jüdischen Opfer in diesem Gebiet beträgt rund 2,7 Millionen Menschen. Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist der Befreiung von Überlebenden durch die Rote Armee gewidmet, wobei die Rettung der Überlebenden des Todeslagers Auschwitz-Birkenau einen besonderen Platz einnimmt. Neben den Soldaten der Roten Armee, welche die Ghettos und Konzentrationslager befreiten, sei es ein Anliegen der Ausstellung, die Arbeit jener JournalistInnen hervorzuheben, die auf die Lage der Überlebenden hinwiesen und so Hilfe für sie organisierten, sagte Altman. Gewürdigt werde auch der Einsatz der sowjetischen ÄrztInnen, die für die Gesundheitsversorgung der befreiten Gefangenen sorgten und so ihr weiteres Überleben sicherten.

Quelle: OTS  Foto: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner