„Wofür es sich zu leben lohnt“

„Wofür es sich zu leben lohnt“

Paul-Watzlawick-Ehrenring 2020 der Ärztekammer für Wien geht an den Philosophen und Kulturwissenschafter Robert Pfaller 

Mit seinem jüngsten Buch „Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ hat Robert Pfaller, stilsicher und sprachverliebt wie immer, die Gefahr des Paternalismus und der Entmündigung der Bürger durch die Politik aufgezeigt: mit teilweise witzigen, an Paul Watzlawick erinnernden Paradoxa und ironischen Anspielungen. Unter anderem dafür wird ihm die Ärztekammer für Wien ihren Paul-Watzlawick-Ehrenring verleihen. 

Mit der Entmündigung der Bürger – schon früh gebrauchte Pfaller den Begriff der Interpassivität – beschäftigt sich der Professor für Philosophie an der Kunstuniversität Linz schon seit Jahren. Mit Interpassivität beschreibt er die Praxis, eigene Handlungen und Empfindungen an äußere Objekte – Menschen oder Dinge – zu delegieren. In seinem Erfolgsbuch „Die Illusionen der anderen“ entwickelt Pfaller die These, dass es Einbildungen gebe, die keiner konkreten Person zuzuordnen sind. Pfaller nennt das „Emotionen ohne Eigentümer“.

In der „Erwachsenensprache“ stellt er fest, dass im öffentlichen Diskurs nur mehr auf Scheinempfindlichkeit von einzelnen Gruppen Rücksicht genommen wird. Der Terror der Korrektheit lässt keine kritischen Auseinandersetzungen mehr zu. Befindlichkeiten werden über alles gestellt. Ein modernes Triggertum erfasst die Demokratien. Pfaller differenziert – als Vorbilder nennt er unter anderem Octave Mannoni und Johan Huizinga – zwischen Einbildungen mit Eigentümern (Meinungen) und Einbildungen ohne Eigentümer, die nicht rational begründbar sind. Lustverhinderung und Askese sind für ihn Ausdruck der aktuellen neoliberalen, paternalistischen Kultur. Individuen verlernen sukzessive, ihre Interessen adäquat wahrzunehmen, sie lassen sich vielmehr von Verzichtskategorien leiten, die der politischen Correctness entsprechen. 

Als Vertreter des mündigen, lusthaften Citoyens hat Pfaller mehrere Initiativen gestartet oder mitgetragen, zum Beispiel „Mein Veto! - Bürger gegen Bevormundung“ oder „Adults for Adults: Citizens Against Patronizing Politics“. Gemeint sind damit „Bevormundungspolitik“, „Biopolitik“ und „Pseudopolitik“.

Mit Paul Watzlawick verbinden ihn sowohl der Sprachwitz als auch dessen kritischer Konstruktivismus. In seinen Essays „Hätten Sie mal Feuer?“ und anderen Aufsätzen erinnert er an die „selbsterfüllende Prophezeiung“ des Paul Watzlawick.

Dialogoffenheit und interdisziplinärer Diskurs

Den Paul-Watzlawick-Ehering der Ärztekammer für Wien nimmt er „mit Freude und Dankbarkeit“ entgegen. „Robert Pfaller ist eine Ausnahmeerscheinung“, resümiert die Vorsitzende der Jury, Elisabeth J. Nöstlinger-Jochum, stellvertretend für ihre Kolleginnen und Kollegen in der Jury.

„Für uns“, so Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres, „ist der Ehrenring ein Zeichen unserer Dialogoffenheit und des Engagements des interdisziplinären Diskurses. Ärztinnen und Ärzte brauchen Philosophie und Geowissenschaften, und sie brauchen Anregung zur Zivilcourage – wie jene von Robert Pfaller, und in Zeiten wie diesen ganz besonders“.

Vor Pfaller haben folgende Persönlichkeiten den Paul-Watzlawick-Ehrenring der Ärztekammer für Wien erhalten: Peter L. Berger (2008), Aleida Assmann (2009), Rüdiger Safranski (2010), Friedrich Achleitner (2011), Walter Thirring (2013), Ruth Klüger (2015), Konrad Paul Liessmann (2016), Franz Schuh (2017), Hartmut Rosa (2018) und Ulrike Guérot (2019). (hpp)

Der-Paul-Watzlawick Ehrenring der Ärztekammer für Wien wird am 15. Oktober 2020 in Kooperation mit den Wiener Vorlesungen verliehen – im Rahmen einer Vorlesung von Robert Pfaller und begleitet von einer Laudatio durch Konrad Paul Liessmann.

Quelle: Ärztekammer Wien Dr. Hans-Peter Petutschnig / ots  //  Fotocredit: Marco Prenninger

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